Leseprobe 1

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Einige kurze Bemerkungen zu unserer Vorgehensweise bei der Umschrift des Goetheschen Faust:

  • Wir wollten keinen neuen Faust schreiben, sondern lediglich dieselbe Geschichte nur mit anderen Worten neu erzählen!
  • Damit deutlich wird, daß wir nicht vorhaben, den Faust zu persiflieren, haben wir Reim und Metrum (mal mehr mal weniger) beibehalten. - Obwohl Reim und Versmaß nicht unbedingt gegen eine Persiflage sprechen, wie F.Th.Vischers "Der Tragödie Dritter Teil" zeigt (lesenswert).
  • Goethe schrieb den Faust in seine Zeit hinein. Unser Faust spielt demnach auch im ausgehenden 20. Jahrhundert.
  • Teilweise hielten wir uns sehr eng an die Vorlage (Straße -> Kirchplatz), manchmal auch überhaupt nicht (Auerbachs Keller -> Ein Lokal ohne Namen), häufig aber zumindest in der Dialogführung und Verszahl (Nacht).

Auf dieser Seite finden Sie drei Szenen als Leseproben aus unserem Werk: einen Ausschnitt aus der Szene [Nacht], die Szene [Marthens Garten] und unten die Szene 'Straße', bei der zur Veranschaulichung der Arbeitsweise Goethes Original dem gegenübersteht (das ist wiederum nicht sehr repräsentativ für das Gesamtwerk, weil wir uns teilweise sehr viel weiter von Metrum und Reim der Vorlage getrennt haben).



Original


 


Umschrift

S T R A S S E
FAUST. MARGARETE vorübergehend.

FAUST. Mein schönes Fräulein, darf ich
                                                       wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
MARGARETE. Bin weder Fräulein, weder
                                                       schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.
Sie macht sich los und ab.
FAUST. Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab' ich nie gesehn.
Sie ist so sitt- und tugendreich,
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Rot, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
Wie sie die Augen niederschlägt,
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
Wie sie kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzücken gar!

MEPHISTOPHELES tritt auf.

FAUST. Hör, du mußt mir die Dirne schaffen!

MEPH. Nun, welche?
FAUST.                   Sie ging just vorbei.
MEPH. Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen,
Der sprach sie aller Sünden frei;
Ich schlich mich hart am Stuhl vorbei.
Es ist ein gar unschuldig Ding,
Das eben für nichts zur Beichte ging;
Über die hab' ich keine Gewalt!

FAUST. Ist über vierzehn Jahr doch alt.
MEPH. Du sprichst ja wie Hans Liederlich,
Der begehrt jede liebe Blum' für sich,
Und dünkelt ihm, es wär' kein' Ehr'
Und Gunst, die nicht zu pflücken wär';
Geht aber doch nicht immer an.
FAUST. Mein Herr Magister Lobesan,
Lass' Er mich mit dem Gesetz in Frieden!
Und das sag' ich Ihm kurz und gut:
Wenn nicht das süße junge Blut
Heut nacht in meinen Armen ruht,
So sind wir um Mitternacht geschieden.
MEPH. Bedenkt, was gehn und stehen mag!
Ich brauche wenigtens vierzehn Tag',
Nur die Gelegenheit aufzuspüren.
FAUST. Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh',
Brauchte den Teufel nicht dazu,
So ein Geschöpfchen zu verführen.
MEPH. Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos;
Doch bitt' ich laßt's Euch nicht verdrießen:
Was hilft's, nur grade zu genießen?

Die Freud' ist lange nicht so groß,
Als wenn Ihre erst herauf, herum,
Durch allerlei Brimborium,
Das Püppchen geknetet und zugericht't,
Wie's lehret manche welsche Geschicht'.
FAUST. Hab' Appetit auch ohne das.
MEPH. Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß.
Ich sag' Euch: mit dem schönen Kind
Geht's ein- für allemal nicht geschwind.
Mit Sturm ist da nichts einzunehmen;
Wir müssen uns zur List bequemen.
FAUST. Schaff mir etwas vom Engelsschatz!
Führ' mich an ihren Ruheplatz!
Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,
ein Strumpfband meiner Liebeslust!



MEPH. Damit Ihr seht, daß ich Eurer Pein
Will föderlich und dienstlich sein,
Wollen wir keinen Augenblick verlieren,
Will Euch noch heut in ihr Zimmer führen.
FAUST. Und soll sie sehen? sie haben?
MEPH.                                                Nein!
Sie wird bei einer Nachbarin sein.
Indessen könnt Ihr ganz allein
An aller Hoffnung künft'ger Freuden
In Ihrem Dunstkreis satt Euch weiden.
FAUST. Können wir hin?

MEPH.                           Es ist noch zu früh.

FAUST. Sorg du mir für ein Geschenk für sie! Ab.




MEPH. Gleich schenken? Das ist brav! Da
                                             wird er reüssieren!
Ich kenne manchen schönen Platz
Und manchen altvergrabnen Schatz;
Ich muß ein bißchen revidieren. Ab.

 

K I R C H P L A T Z
FAUST, MARGARETE vorübergehend

FAUST. Schöne Frau! Ich nehm's mir raus,

und führ' Dich zu 'nem Drink jetzt aus.
MARGARETE. Geiler Bock! Laß mich in Ruh!

Der mich ausführt, bist nicht Du. (ab)

FAUST. Oh Gott, ist dieses Weibsbild schön!
Die Oberweite läßt sich seh'n,
scheint antiquiert im Punkt Moral,
ein freches Mundwerk allemal.
Diese Backen! Dieser Mund!
Ich glaub', ich werd zu keiner Stund'
diesen Anblick je vergessen.
Auf diese Frau bin ich versessen!



(MEPHISTO tritt auf.)

FAUST. Mach, Teufel, daß die Frau mich liebt!
MEPH. Wer?
FAUST.        Die da!
MEPH.                    Die da hinten steht?!
Die, damit Gott ihr vergibt,
fast täglich schon zum Beichtstuhl geht?
Dabei ist sie total korrekt,
die weiße West unbefleckt,
die Seele rein. Böses? Mitnichten!
Als Teufel kann ich nichts verrichten.
FAUST. Doch reif ist dieses Mädchen schon!
MEPH. Aber FAUST, mein lieber Sohn!
Mir scheint, du willst nur noch das Eine:
Jede Frau für dich alleine.
Statt vor Sehrnsucht gleich zu sterben
solltest lieber um sie werben.
FAUST. Laß mich mit so 'nem Scheiß in Ruh!
Kann ich die Frau heut nacht nicht haben,
mich in ihrem Schoß vergraben
und an ihrem Körper laben,
sind wir geschieden: Ich und Du!


MEPH. Denk' doch nach, hör auf zu spinnen!
Ich brauch' mehr Zeit, sie zu gewinnen,
ohne meine teuflisch Macht.
FAUST. Hätt' ich mehr Zeit als heute nacht,
müßte nicht der Teufel fliegen:
Ich würd' allein ins Bett sie kriegen.
MEPH. Du bist zu forsch, drum rat' ich dir
- doch schrei' nicht wieder gleich so rum:
Was nützt es: Gleich ins Bett und Bumm?
(macht eine eindeutige Geste)
Sehr viel Mühe! Spaß dafür?
Wahre Lust wirst du besitzen,
wenn du durch geschicktes Schenken
ihren Blick kannst auf dich lenken,
schaffst, sie für dich zu erhitzen.
FAUST. Einfach Sex ist, was ich will!
MEPH. Ach FAUST! Jetzt sei doch endlich still.
Bitte! Glaub doch einfach mir:
Mit Hast erreichst du nichts bei ihr!
Das Ziel erreichen wir mit List.
Nur: Ob du einverstanden bist?
FAUST. (sich zögerlich durchringend)
Frauen steh'n auf Schmuck und Geld.
Beschaff' die Schätze dieser Welt!
Leg's unter's Kissen auf ihr Bett! -
Ein Kleindungsstück gern von ihr hätt'.
Ich bitte dich, dich zu beeilen:
Ich brauch es, um mich aufzugeilen.
MEPH. Ich zeige meinen guten Willen,
deine Sehnsucht jetzt zu stillen,
zeige, daß dein Freund ich bin,
und führ' dich heut noch zu ihr hin.
FAUST. Dann kann ich heute noch sie f----n?
MEPH. NEIN! Du kannst nur um dich blicken
und in deinem Geiste malen,
wie du voller Lust und Qualen
dort mit diesem Weib verweilst
und das Bettchen mit ihr teilst.
FAUST. Was sind wir also dann noch hier?
Los, komm! Auf, auf! Und ab zu ihr!
MEPH. Zu früh! Sie ist doch noch zu Haus.
Doch solang hältst du's auch noch aus.
FAUST. Ja sicher! - Nein! - Äh, doch! -
                                                  Vielleicht!
Weiß gar nicht mehr, was ich grad' denk'!
Besorge Du nur ein Geschenk,
das ihre Schönheit unterstreicht. (ab)
MEPH. Ja, der FAUST hat gut gelernt,

wie man ein Mädchenherz erwärmt.
Ein Geschenk wird sie schon locken.
Ich geh ein wenig Schmuck abzocken. (ab)


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